Den Boden der Realität verlassen

Der Blick in die Ferne: Auf seinem ersten Flug versucht «Südostschweiz»-Redaktor David Frische, auch die wunderschöne Aussicht zu geniessen.

Von David Frische (Text) und Marco Hartmann (Bilder)

Für die «Südostschweiz» ist der Traum vom Fliegen einen Moment lang wahr geworden – auf einer Flugstunde mit der Motorfluggruppe Chur.

Mir wird ein Schlüssel in die Hand gedrückt. Mit einem lauen Gefühl im Magen stecke ich das kalte Stück Metall ins Loch und drehe kräftig nach rechts. Um mich herum beginnt es zu rütteln. Viel mehr aber auch nicht. Ich werde gebeten, den Schlüssel loszulassen. Der nächste Versuch, wieder der laute Befehl: «Jetzt loslassen!» Vergeblich. Mit ruckartigen Bewegungen versuchen nun zwei fremde Hände, den Motor zu starten. Schliesslich dröhnt er auf, ein lautes Schnattern beginnt, die Umgebung zittert.

Zwei handgrosse Ohrmuscheln saugen sich an meinem Kopf fest, sie dämpfen das Dröhnen ab. Noch werden Schalter umgelegt und Regler verschoben, dann setzen wir uns in Bewegung. Das Gefährt auf drei – so scheint es mir – wackligen Rädern kommt aber nach rund 20 Metern vor einer idyllischen Wiese mit Kühen wieder zum Stillstand. Sie werden am Boden bleiben. Dann eine Rechtskurve und schliesslich die Anweisung über Intercom, dem boardinternen Kommunikationsmittel: «Langsam auf Vollgas gehen.» Mit etwas zittriger Hand schiebe ich den Gashebel kontinuierlich nach vorn, die feinen Grashalme der Wiese verstreichen zu einem grünen Streifen, wir beschleunigen und verlieren schliesslich den Boden unter den Sitzen. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit fliesst durch meinen Körper, der Start ist geglückt. Meine erste Flugstunde hat soeben begonnen.

Fliegen, um zu geniessen

Neben mir sitzt Cheffluglehrer Daniel Müller von der Motorfluggruppe Chur. Schräg unter uns liegt der Flugplatz Bad Ragaz, von dem wir soeben gestartet sind, und wo die Fluggruppe ihren Sitz hat. Müller ist seit sechs Jahren vollzeitberuflich Fluglehrer. Pro Jahr verbringt er geschätzte 800 bis 1000 Stunden in der Luft. Er und seine Erfahrung werden mich in der nächsten halben Stunde in eine andere Welt führen.

Die Maschine wurde erfolgreich gestartet. Jeden Moment hebt sie ab.

Wir befinden uns noch immer im Steigflug, das Propellerflugzeug «Diamond Star», ein Vierplätzer des Typs DA 40, beschleunigt auf über 100 Knoten – rund 200 Stundenkilometer. Vor meinen Augen ein riesiges Instrumentenbrett, darüber ein blauer Streifen des Himmels. «Nicht zu fest auf die Instrumente schauen, geniesse die Aussicht», gibt Müller durch. Da hat er wohl recht, die Stimmung ist eindrücklich. Es ist kurz nach elf Uhr. Auf einer Höhe von rund 5000 Fuss, gut 1500 Meter, soll ich das Gas etwas zurücknehmen – mit dem Zug nach hinten drehen die Propellerblätter langsamer, die Lärmemission wird kleiner. Ich versuche mit der Hand am harten Lederkopf des Steuerknüppels die über eine Tonne schwere Maschine zu führen. Jede leichte Bewegung wird von der Mechanik sofort auf den Raum um mich herum übertragen.

«Nicht zu fest auf die Instrumente schauen, geniesse die Aussicht.»

Cheffluglehrer Daniel Müller

Ein Blick nach rechts zu Müller lässt mich dann plötzlich staunen: Mit beiden Händen auf dem Schoss geniesst er den Blick ins Weite, die Flugarbeit ist mir überlassen. «Ich sage den Schülern bewusst nicht, dass sie das Steuer übernehmen. Ansonsten verlieren sie sofort die Kontrolle», klärt er mich mit einem Grinsen auf. Ein Gefühl von Stolz erfüllt mich. Ich bin es nicht gewohnt, Fortbewegungsmittel mit Motor zu steuern. Vom reinen Fussgänger und waschechten Nicht-Autofahrer zum Piloten, das ist für mich doch eine ganz spezielle Erfahrung.

Das Wetter entscheidet mit

Auf einer Flughöhe von rund 5500 Fuss angekommen, überqueren wir Landquart und erblicken das Panorama auf die St. Galler Rheintalebene. «Das ist mein Büro», sagt Müller. Wir lachen beide. An diesem prachtvollen Oktober-Herbsttag liegt eine dicke weisse Nebelschicht wie eine Bettdecke über dem Tal. Das Fliegerduo Frische/Müller muss das nicht stören. Wir werden Kurs auf Chur nehmen.

Von entscheidender Bedeutung kann diese Wetterlage bei Sichtflug aber dennoch sein, zum Beispiel beim vorherigen Flug von Müller mit einem anderen Schüler. Geplant war ein Streckenflug von Bad Ragaz über den Zürichsee mit Zwischenlandung am Flughafen St. Gallen-Altenrhein und von dort wieder zurück nach Bad Ragaz. Diesem Vorhaben machte die Wettersituation einen Strich durch die Rechnung, wie das obligatorische «Briefing», die Vorflugbesprechung, gezeigt hatte. Dort analysieren Schü- ler und Fluglehrer gemeinsam diverse Wetterkarten, auf denen unter anderem die Wind-, Nebel-, Gewitter- und Föhnsituation für den jeweiligen Tag geschildert werden. Am Schluss wird dann der Entscheid gefällt: fliegen oder nicht.

«Ich sage den Schülern bewusst nicht, dass sie das Steuer übernehmen.»

Daniel Müller

Für einen negativen Beschluss kann ein noch so kleiner Faktor ausschlaggebend sein: «Spricht einer von zehn Faktoren dagegen, gehen wir nicht in die Luft. Für das OK zum Abheben brauche ich eine hundertprozentige Sicherheit, dass alles in Ordnung ist – ansonsten kann genau das eine Prozent den Unterschied ausmachen», so Müller. Also entschieden sich Schüler und Lehrer dann für einen Plan B: Statt des Streckenflugs mit Zwischenlandung unternahmen sie einen Lokalflug in der Region Walensee.

Losgelöst von Zeit und Raum

Die «Diamond Star» fliegt eine schwungvolle Rechtskurve. In meinem Bauch wird ein achterbahnähnliches Kribbeln ausgelöst. Der beinhahe vertikale Blick nach unten stürzt mich in Orientierungslosigkeit. Wenig später haben wir bereits die Hochhäuser von Chur hinter uns liegen gelassen. Es scheint, als herrschten hier oben andere Gesetze, als zögen Zeit und Raum wortwörtlich «im Fluge» vorbei. In dieser sensiblen Luftmasse schwebend, in der jede Bewegung deiner Hand wahrgenommen und jede Unkonzentriertheit bestraft wird, öffnen sich dem Menschen neue Grenzen der Freiheit.

«Spricht einer von zehn Faktoren dagegen, gehen wir nicht in die Luft», sagt Daniel Müller. Damit man abheben kann, müssen unter anderem Wetter- und Windsituation stimmen.

«Ziehe den Steuerknüppel einmal nach links und lass ihn dann los», rauscht Müllers neuer Befehl über Intercom. Gesagt, getan: Die Maschine verbleibt in ihrer schrägen Lage und zieht so einen runden Vollkreis, in der Fliegersprache «Three sixty» genannt. Über den Caumasee von Flims hinweg visieren wir schliesslich kurz vor halb 12 Uhr wieder unseren Ausgangspunkt in Bad Ragaz an. Damit die Maschine auch geradlinig drauf zusteuert, empfiehlt mir Müller immer wieder, einen Punkt am Horizont zu fixieren – das A und O in Flugstunde 1. Solch ein Ziel vor Augen – etwa eine Bergspitze – gibt Orientierung und Konzentration, das Steuern des Flugzeugs verläuft dann wie von Gottes Hand.

Um die Landung einzuleiten, verringere ich das Tempo, wir verlieren schlagartig an Höhe. Die Steuerung macht sich selbstständig, denn Müller hat die Maschine mit seiner Apparatur wieder fest unter seine Kontrolle gebracht. Wir sinken dem Flugplatz entgegen, sind aber noch viel zu hoch, um landen zu können. Alles so geplant: Müller neigt die Maschine erneut in eine Rechtskurve. Der Gang in den «Downwind» beginnt. Eine Schlaufe fliegend, gelangen wir in die turbulente Inversionsschicht, wo wir Spielzeug der kalten und warmen Luftströme werden, die dort aufeinandertreffen. Die Temperatur nimmt gegenüber dem warmen Sonnenlicht im Himmelreich merklich ab, das Thermometer zeigt 11 Grad an.

Wir steuern geradewegs auf die Landebahn zu, wo Müller die Maschine mit rund 100 Stundenkilometern und einem schleifenden Quietschen der Reifen aufsetzt. Die Landung verläuft sanft. Die «Diamond Star» tuckert zurück an ihren Startplatz. Dort ziehe ich den Zündschlüssel in einem Versuch – und wie Motor und Propeller gemächlich ausrattern, gebe ich das neu gewonnene Stück Freiheit wieder an den Himmel zurück.

Erschienen in der Zeitung «Die Südostschweiz am Sonntag», Ausgabe vom 4. November 2012.

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