Blick in die Ferne: Im Transitzentrum Laax finden die Asylbewerber eine vorübergehende Bleibe – wie es weitergeht, ist ungewiss. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)
Nach einem monatelangen erbitterten Streit zwischen Kanton und Gemeinde Laax hat dort das Transitzentrum Rustico Mitte Februar den Betrieb aufgenommen. Der anfängliche Unmut über das Asylheim scheint sich etwas gelegt zu haben.
Von David Frische
Vor unseren Augen ragt ein grosses, betongraues Gebäude in die Höhe. Einzelne Partien sind mit dunkelbraunem Holz verkleidet. Die Fensterläden sind zwar aufgeklappt – dennoch wirkt das Haus wie ausgestorben. In der Umgebung ist keine Menschenseele zu sehen.
Doch eine Tür steht offen. Beim Eintreten in die ehemalige Hotelrezeption kommt man in eine dunkle, staubige «Stube», in der einige alte Sofas und Tische stehen. Auch hier ist kein Mensch zu sehen. Durch die Fenster dringen einzelne schwache Lichtstrahlen.
Wir befinden uns im ehemaligen Laaxer Hotel «Rustico», das seit Kurzem als Transitzentrum für Asylbewerber genutzt wird. Mitte Februar haben hier rund 40 Personen ihre Betten bezogen. Die Zahl schwankt. Mal sind es mehr, mal weniger. Je nachdem, wie viele Neuankömmlinge das Asylheim gerade empfängt und wie viele es gerade verlassen – in eine andere Unterkunft, zurück in ihr Heimatland oder vielleicht sogar mit einer fixen Aufenthaltsbewilligung in der Hand in ein neues Leben. Die Bewohner warten hier auf ihr eigenes Schicksal.

Durch den Flur des Eingangsbereichs ertönen Klappergeräusche, entfernte Stimmen sind zu hören. Einen Raum weiter sehen wir einen älteren Mann sitzen, sein Brot mit Marmelade bestreichend. «Sprechen Sie Englisch?» – «Ein wenig», antwortet Ahmed in brüchigen Worten. Wir können uns knapp verständigen. Ahmed ist aus der Türkei geflohen vor dem schwelenden Konflikt mit der kurdischen Untergrundorganisation PKK. Seit zehn Tagen wohnt er hier im Rustico.
Sein Eindruck vom vorübergehenden Zuhause? «Sehr, sehr gut», stammelt er. Trotz der knappen Worte merkt man ihm an, dass er sich hier wohlfühlt. Wie es für ihn weitergeht, kann er nicht sagen. Dafür reichen seine Englischkenntnisse nicht aus. Wahrscheinlich könnte er es uns auch nicht sagen, wenn er die Worte dazu hätte – weil er es nicht weiss. Die Dankbarkeit, hier sein zu dürfen, steht ihm aber ins Gesicht geschrieben.
Laax als Zufluchtsort für Flüchtlinge, das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Inbetriebnahme des Transitzentrums Rustico ging ein monatelanger Rechtsstreit voraus. Der Gemeindevorstand um Präsident Toni Camathias fühlte sich vom Kanton überrumpelt, als dieser ihm mitteilte, im stillgelegten «Rustico» ein Asylzentrum einrichten zu wollen. Die Bevölkerung von Laax reagierte mit Skepsis. Angst und Wut steckten in den Köpfen vieler Einwohner. Man fühlte sich ungerecht behandelt ob des Vorhabens des Kantons, in der Surselva ein zweites Asylzentrum einzurichten – bereits die Gemeinde Schluein beherbergt ein Asylzentrum. Genug, fand ein Grossteil der Bevölkerung.

Das Tauziehen um die Nutzung des «Rustico» als Hotelbetrieb, wie es die Gemeinde wollte, oder als Transitzentrum im Sinne des Kantons endete schliesslich im September letzten Jahres mit einem Bundesgerichtsentscheid zugunsten des Kantons. Damit war klar, dass das Transitzentrum in Laax kommen würde.
Wie geht die lokale Bevölkerung heute mit der neuen Situation um? Ist die anfängliche Erschütterung um das geplante Asylheim mit dessen Inbetriebnahme einer Nüchternheit gewichen? Oder haben sich die Ängste und Sorgen der Bewohner bestätigt? Beim Verlassen des Zentrums treffen wir auf zwei junge Menschen. Markus und Martina sind gerade auf dem Heimweg, sie wohnen direkt neben dem Asylzentrum.

«Wir haben nicht viel mit den Asylbewerbern zu tun», gibt Markus schnell zu verstehen. Hin und wieder treffe man sie auf der Strasse an, der Kontakt beschränke sich aber aufs Grüssen. Die beiden Nachbarn stört die direkte Anwohnerschaft der Asylbewerber nicht. Sie verhielten sich unauffällig und die Situation sei angenehm, finden beide. «Wir haben keine Angst wegen der Sicherheit oder derartiger Dinge. Es hat sich im Vergleich zu der Zeit vor dem Transitzentrum für uns nichts geändert», so Markus.
Ähnlich geht es einer 37-jährigen Passantin: «Generell bin ich dafür, dass man den Menschen hilft – aber ob Laax der richtige Ort dafür ist?» Die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, beschäftigt der Gedanke, ob eine Asylunterkunft hier Sinn macht. Die Integration der Personen sei viel schwieriger, wenn sie gruppenweise in Zentren einquartiert seien. Eine bessere Lösung wäre, die Menschen auf mehrere Gemeinden aufzuteilen. «Die Leute hier sind zudem ziemlich engstirnig, was die Integration auch nicht gerade erleichtert.» Sie findet, man solle den Asylbewerbern eine Chance geben. «Jetzt, wo sie schon mal da sind.»
«Wir haben keine Angst. Für uns hat sich nichts geändert.»
Markus und Martina aus Laax
Die Gemütslage im Dorf und die Situation rund um das Transitzentrum erinnern an jene in Davos, nachdem dort die Asylheime in Betrieb genommen wurden. Die anfängliche Aufregung war dort bald verflogen. «Ich glaube, den Leuten, die nicht wissen, dass sich hier ein Asylzentrum befindet, fällt es gar nicht auf», meint der 32-jährige Alex. Er hat in Laax gelebt und fährt seit einigen Jahren regelmässig am Wochenende ins Dorf. Aber er vermutet unter den Einheimischen immer noch eine gewisse Angst vor der neuen Situation. «Mir gefällt überhaupt nicht, dass hier in Laax Asylbewerber untergebracht sind. Laax ist eine Tourismusregion und das Asylheim schlecht für ihr Image», regt sich beispielsweise sein Kumpel Max auf, der ebenfalls in Laax aufgewachsen ist. Die Sorgen scheinen also keineswegs verschwunden.
«Laax ist eine Tourismusregion und das Asylheim schlecht für ihr Image.»
Max, Wochenendaufenthalter in Laax
Auch bei der 25-jährigen Tirhes sind sie es nicht. Die Frau aus Eritrea schnippelt nachdenklich Karotten. Zum Mittagessen gibts gehacktes Gemüse. Tirhes findet es «ganz okay» hier im Transitzentrum. Die Betreuer seien freundlich. Im Dorf sei sie noch nicht gewesen. Wie lange sie hier bleibt, weiss sie nicht. Auf die Frage, was die Zukunft für sie wohl bringe, antwortet sie mit ratlosem Blick. Sie hat die Frage nicht verstanden. Wahrscheinlich könnte sie auch keine Antwort geben, wenn sie sie verstanden hätte.
Erschienen in der Zeitung «Schweiz am Sonntag», Ausgabe vom 22. März 2015.
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